Internationale Deutsche Motorradmeisterschaft am Ende?

Der Industrieverband Motorrad (IVM) gab am vergangenen Montag (18. September) bekannt, dass er die Internationale Deutsche Motorradmeisterschaft (IDM) nicht mehr als Promoter durchführen werde. Das könnte das endgültige Aus für die seit 70 Jahren durchgeführte Meisterschaft bedeuten. Das Internetportal Speedweek.com sprach mit DMV Präsident Wilhelm A. Weidlich über die Zukunft der wichtigsten deutschen Motorradsportserie.

Eine knappe Pressemitteilung des Industrieverbandes vergangenen Montag sagte:

„Bei der heutigen Sitzung der Arbeitsgruppe Motorsport im Industrie-Verband Motorrad Deutschland e.V. (IVM) konnte kein tragfähiges Konzept für eine Fortführung der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM) im Jahr 2018 gefunden werden.“

Das heißt, die Arbeitsgruppe Motorsport im IVM, bestehend aus den Unternehmen BMW Motorrad, Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha, beendete die mit dem Rechteinhaber DMSB auf mehrere Jahre Laufzeit abgeschlossene Vereinbarung nach nur einer Saison. Über die Gründe wurde nichts verlautbart und ist offiziell nichts bekannt; die hohen Kosten könnten einige der Poolmitglieder überfordert haben, während gleichzeitig das Zuschauerinteresse wesentlich geringer als erwartet und als kommuniziert war. Es gab keine TV-Vermarktung, so dass die Marketingeffekte der Serie möglicherweise für die Industrievertreter in keinem gesunden Kosten-Nutzen-Verhältnis gestanden haben.

Da die Rechte an der IDM beim DMSB liegen, kann der entweder die Serie ab 2018 wieder selbst vermarkten oder einen neuen Promoter suchen, dem man die Rechte auf einen Zeitraum abtritt. Beides könnte schwierig werden: Bis 2012 hat der Verband mit eigenen Serienmanagern die Meisterschaft mal mit größerem und mal mit geringerem Erfolg selbst promotet. Von 2013 bis 2016 hatte die Firma MotorEvents die Vermarktung inne, gab aber im letzten Jahr enttäuscht auf und erklärte, dass die Agentur in allen Jahren eigenes Geld zur Finanzierung bei gesteuert habe.

Für eine Fortführung bzw. eine Neukonzeption der IDM gibt es verschiedene Vorschläge und Ideen. Speedweek.com sprach mit DMV-Präsident Weidlich über das Thema.

 

Herr Weidlich, war das Ende der IDM absehbar? Es war ja viel Unsicherheit zu spüren, es gab keine klaren Aussagen zur Zukunft.

Ja, das hat sich durch verschiedene Äußerungen aus der Szene abgezeichnet. Aber dass diese harte Landung jetzt dem DMSB gestern am Nachmittag so abrupt mitgeteilt wurde, das kam überraschend. Das war schon heftig. Beim DMSB und den beiden Motorradverbänden ADAC und DMV ist die Enttäuschung groß. Das hat Kollege und DMSB-Vizepräsident Motorrad Wagner-Sachs schon veröffentlicht. Das Vertrauen in die neuen Promoter ist nicht erfüllt worden. Ich bin der Meinung, dass wir uns sportlich neu aufstellen müssen, unter Berücksichtigung der Veranstalter- und Fahrerinteressen. Und diese ganze Vermarktungsorgie muss man hinten anstellen. Die Industrie darf nicht so viel Einfluss auf die Austragung der Rennen haben. Dadurch wird die IDM vielleicht am Anfang wieder etwas teurer für die Teilnehmer. Aber für uns würde sportlich eine sichere Austragung mit sicheren Terminen und einer klaren Rechnung für sämtliche Beteiligten Vorrang haben.

Jeder, der dann mitmacht, beim Thema Werbung oder Sponsoring ist herzlich willkommen. Er kann mitmachen, aber nicht bestimmen. Die Industrie müsste sich wie in der Vergangenheit in beratender Funktion auf die Technik und die Motorräder beschränken. Wir müssen langsam beginnen, die IDM wieder zu entwickeln. Es ist sicher so, dass der Automobilsport für den Motorradsport im Bezug auf die Vermarktung von Veranstaltungen oder Serien kein gutes Beispiel ist, weil dort viel mehr Geld im Spiel ist. Die Motorradfirmen sind dazu finanziell zu schwach. Das hat sich jetzt wieder bewiesen. Es hat sich gezeigt, dass wir uns selbst retten müssen. Die Motorradsportler müssen die IDM wieder selbst in die Hand nehmen. Das gilt vielleicht für andere Serien und andere Disziplinen genau so.
 

Das heißt, es gibt Bestrebungen, dass die IDM 2018 unter der Schirmherrschaft des DMSB weiter geführt wird?

Ja, das ist die Ausgangsbasis. Anders wird es nicht gehen. Ich bin jetzt nicht ganz sicher, ob der Titel oder Begriff «IDM» irgendwo geschützt ist. Das weiß ich im Moment nicht. Aber dass es 2018 eine hochrangige deutsche Motorrad-Meisterschaft gibt, egal mit welchen Klassen, davon gehe ich sicher aus.

 

Warum kann ein Industrie-Verband Motorrad die Absage der IDM 2018 verlautbaren?

Ja, eine gute Frage. Zur Zukunft: Eine Veranstaltung wie die IDM ist über Nenngelder und notfalls auch über wenige Zuschauer finanzierbar. Teuer wird sie nur, wenn Zusatzwünsche zu finanzieren sind wie zum Beispiel öffentliche Präsenz, Fernsehen etc. Dadurch werden aber eher die Interessen der Werbetreibenden bedient als die der Sportler. Wenn man diese Kosten zurücknimmt auf ein normales Maß, dann gehe ich davon aus, dass die IDM auch funktionieren wird.

 

Die Fahrer, manche Teams und die Zuschauer haben bemängelt, dass in der IDM seit geraumer Zeit nur nach die Industrie über die Art der Klassen und Reglemente entschieden hat. Es gab früher alle GP-Klassen in der IDM von 50 bis 500 ccm, heute keine einzige mehr. Seit fünf Jahren kam kein neuer deutscher Moto3-Fahrer mehr in die WM.

Ja, sag' ich ja. Das ist ein Problem. Aber es geht natürlich nicht ohne die geeignete Industrie, die die Motorräder baut. Die Frage ist: Wer bestimmt? Die Industrie ist daran interessiert, Motorräder zu verkaufen. Der Motorradsport ist ein Aushängeschild und eine Plattform für diese Branche. Wenn man den Sport nur dazu benutzen möchte, um ihn zu vermarkten und Geld damit zu verdienen, dann wird es beim Motorradsport bestimmt nicht funktionieren. Das funktioniert nicht einmal beim Automobilsport richtig. Beim Motorradsport noch viel weniger.

 

Da ist ja bekannt, weil die Stückzahlen und die Umsätze nur einen Bruchteil der Autoindustrie ausmachen. Das weiß man seit 20 Jahren.

Ja, richtig. Trotzdem sind immer wieder neue Phantasten am Werk, die sich einbilden, sie könnten gegen alle Erfahrungen und gegen alle Regeln agieren. Und das funktioniert dann wieder nicht. Beim DMSB hat man drauf vertraut, dass der neue Vertragspartner zur Durchführung der IDM fähig ist und er diese Serie auch langfristig finanziell unterstützt. Dass die jetzt so schnell das Handtuch werfen, ist nicht nur enttäuschend. Es ist auch kein Zeichen von Professionalität, speziell was die Vorbereitung und die Aufstellung der IDM betrifft. Dass sie nach einem Jahr alles hinwerfen, naja. Schwach.

 
Was die Rechte an der Marke IDM betrifft: Die kann doch niemand anderer besitzen als der DMSB?

Ja, ganz sicher. Vor allen Dingen, wenn die Verträge jetzt wieder aufgelöst werden. Ich rede nur von dem Titel IDM selbst. Das war einmal bei der DTM ähnlich. Das hat einmal Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft geheißen, dann musste das in Deutsche Tourenwagen Masters umbenannt werden. Ich weiß vorläufig nicht, ob für die IDM noch irgendein Titelschutz existiert. Das müssen wir abklären. Es würde mich auch nicht stören, einfach eine Internationale Deutsche Motorrad-Meisterschaft auszuschreiben, mit jenen Klassen, die gangbar sind. Vielleicht auch nur mit drei Klassen, analog zur Weltmeisterschaft, daneben gefüttert mit nationalen Serien, damit eine Veranstaltung mit einer hohen Zahl von Teilnehmern zustandekommt, notfalls neben der IDM mit Pokal-Teilnehmern wie früher, damit man diese Veranstaltung finanzieren kann. So könnte man beginnen, die IDM als Serie neu aufzubauen.
 

Welche IDM-Klassen müssen bleiben? Superbike? Supersport? Sidecar?

Da will ich nicht vorgreifen. Ich bin optimistisch für die IDM. Auch deshalb, weil sie früher schon gut funktioniert hat. Man muss bestimmte Kräfte jetzt auf die Seite rücken. Dann muss man jene Leuten, die wirklich arbeiten und auf die es ankommt, wieder zur Geltung bringen, die Veranstalter und die Fahrer. Die Verbände müssen wieder mehr leisten, der DMSB sowieso. Das alles zusammen betrachte ich als starkes Gebilde. Alles andere ist Beiwerk.

 

Die IDM muss neu aufgebaut werden. Muss man endlich die Berührungsängste mit Racing-for-Fun-Veranstaltern über Bord werfen und mit Firmen wie Bike Promotion in Kontakt treten?

Bike Promotion hat sich ja für die Ausrichtung der IDM interessiert. Man hat aber dann der IVM den Vorzug gegeben. Ich gehe davon aus und würde mir wünschen, dass künftig Bike Promotion an der IDM-Organisation mitwirkt. Bike Promotion wickelt für den DMV bereits den Deutschen Rundstrecken Cup (DRC) ab. Solche Leute, die viel näher an den Fahrern dran sind, sollten wir an Bord holen, als Berater und als Mit-Ausrichter. Der DMV hat die Rechte für den DRC vom DMSB, und die DRC wird gemeinsam mit den Veranstaltungen von Bike Promotion bei fünf Läufen im Jahr ausgetragen. So ein Konzept kann man in Zukunft mit etwas attraktiveren Klassen aus der internationaleren Szene mischen. Dann kann daraus eine wunderbare Meisterschaft mit fünf, sechs oder sieben Veranstaltungen im Jahr machen. Dann wird man sehen, wohin die Reise geht.
 

Der DMSB hat mit der IDM über Jahre hinweg eine Art Kindesweglegung betrieben. Und jetzt soll der Verband den Retter spielen? Die Kunde hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Ich muss leider eingestehen, dass man beim DMSB früher mehr hauptamtliches Motorradpersonal gehabt hat als jetzt. Dadurch konnte man nicht mehr so viel Einfluss ausüben auf die Szene. Der Einfluss hat nachgelassen. Man hat dann auf die IVM alleine gesetzt.  Und wenn man dort neue Leute ohne Erfahrung am Werk sind, dann kommt es zu solche Entscheidungen wie gestern ...

Wie viele Events sind nötig, um eine IDM 2018 auf die Beine stellen zu können?

Es geht da um zwei Dinge. Die Veranstaltung selbst muss sich finanzieren, auch mit wenigen Zuschauern, weil eben nicht mehr kommen. Und dazu über die Nenngelder und vielleicht noch durch einen kleinen Sponsorbeitrag. Theoretisch kann man eine Meisterschaft auch mit zwei Veranstaltungen machen, aber das ist natürlich sportlich nicht interessant. Eventuell muss man bei der Anzahl der Veranstaltungen Zugeständnisse machen.
 

Aber kann man beispielweise mit nur drei IDM-Veranstaltungen wirklich einen ersthaften Titel vergeben?

Theoretisch ja. Aber ich gehe davon aus: Wenn die Bedingungen für die Veranstalter, und das ist für mich der sichere Teile dieser Szene, wenn sie mit einer schwarzen Null veranstalten können, wenn sie genügend Nenngelder einnehmen, dann weden wir in Deutschland fünf oder sechs Veranstalter finden, die eine ordentliche Meisterschaft zustande bringen. Da braucht der DMSB nur die Lizenzen zu verkaufen und die Punkte zusammenzuzählen.
 

Wie hoch beziffern Sie die Chancen, dass 2018 die IDM in irgendeiner Form wieder ausgetragen werden kann? Mit 50 Prozent?

Nein, nein, weitaus höher, meinetwegen mit 100 Prozent. Wobei ich davon ausgehe, dass sich dafür ein Konzept gemeinsam mit dem DMSB findet und sich die potenziellen IDM-Veranstalter dann beim DMSB bwerben. Wir könnten vermischt mit der DRC fünf bis sechs Veranstltungen organisieren. Meiner Meinung nach wird das funktionieren. Wir haben genügend Lizenznehmer und Interessenten für die IDM. Der Veranstalter ist für mich einer der Hauptträger, wenn die Wiederbelebung der IDM gelingen soll. Wenn unser Club als Veranstalter der IDM in Hockenheim rund 300 Teilnehmer hat und die Kosten für die Veranstaltung bei 150.000 bis 200.000 Euro liegen, dann wird ein gewisser Betrag an Nenngeldern nötig, die die Teilnehmer aufbringen müssen. Dann gibt es mal ein Rennen, dann ist man auf der sicheren Seite. Alles andere ist Beiwerk: Zuschauer, Sponsoren, Werbung.
 

Ich hake noch einmal nach: Welche Klassen wären unbedingt nötig für eine passable IDM 2018?

Das weiß ich nicht. Das müssen die Fachleute entscheiden. Ich bin aber überzeugt: Die IDM kann sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf rausziehen. Ihre eigenen Kräfte sind die Veranstalter und die Teilnehmer. Alle anderen sind natürlich zur Mitarbeit eingeladen, inklusive Medien natürlich. Wir brauchen die Industrie, aber sie darf nicht alles bestimmen. In der DTM haben wir 2019 nach dem Ausstieg von Mercedes nur noch zwei Hersteller. Ich weiß nicht, wie das ausgehen soll. Die Firma MotorEvents hat die IDM vier Jahre lang auf eigene Faust vermarktet, sich aber dann mit dem DMSB und ADAC zerstritten. Ja, höchster Respekt, dass die so lange durchgehalten haben.
 

Es sollte kein Dauerzustand sein, dass in der IDM nur die Japaner und BMW mitfahren und ihr eigenes Süppchen kochen, während Ducati, KTM, Aprilia und MV Agusta als «Exoten» ferngehalten werden?

Richtig. Man muss sich anschauen, welche Motorräder auf dem Markt sind und für diese Hersteller Kategorien schaffen, damit sich ein Fahrer gerne draufsetzt und die Zuschauer gerne zuschauen. Man muss die Türen für alle Werke öffnen. Was bisher passiert ist, ist Blödsinn. Wenn ein Werk wie KTM in allen drei GP-Klassen mitfährt, dann muss man überlegen, wie man ihnen die IDM schmackhaft machen kann. Alle Sportmotorrad-Hersteller sollten in der IDM dabei sein. Ist ja klar.

Quelle: Speedweek.com

 


Veröffentlicht am: 21.09.2017 | Kategorie: News Strassenrennsport | Zugriffe: 3241
Dieser Newsbeitrag wurde verfasst von:

Thomas Schiffner

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