SPORTHELDEN: Speedwayprofi und DMV-Referent Sönke Petersen

„Mir macht Motorradfahren Spaß“

SPORTHELDEN Speedwayprofi Sönke Petersen 

Der Oldenburger sucht nach seinem Studium gerade einen Job. Ob selbst auf der Maschine oder als Trainer, dem Motorsport ist er nach wie vor eng verbunden.
VON BERNHARD UPHOFF

Er galt als großes deutsches Speedway-Talent. Das Qualifikationsrennen zum Finale der U-21- Team-Weltmeisterschaft am Pfingstmontag 2019 im bayerischen Abensberg aber veränderte das Leben des damals 20-Jährigen. Durch einen Rennunfall erlitt der Oldenburger Sönke Petersen eine Querschnittslähmung. Ungefähr in Bauchnabelhöhe wurde ein Wirbel zertrümmert. Seinen Schicksalsschlag ging er kämpferisch an: „Ich hatte eine schlechte Diagnose. Durch Training habe ich aber viel erreicht“, sagt der heute 32-jährige Petersen. Er sitzt wieder auf dem Motorrad. Und ist dem Bahnsport nach wie vor eng verbunden.

Sönke Petersen aus Oldenburg pflegt einen guten Draht zu Ostfriesland. Im Motodrom Halbemond, wo er manche Trainingsrunde gedreht hat, veranstalteten seine Motorsportfreunde gemeinsam mit den Fans ein Benefizrennen für ihn. Dort arbeitet sein ehemaliger Förderer Meik Lüders als Trainer. Motocross-Ass Till Goldenstein aus dem Brookmerland ist einer seiner Kumpels. Dem Motorsport ist Petersen auch fast zwölf Jahre nach seinem schweren Rennunfall nach wie vor eng verbunden. „Das Motorrad bereitet mir immer noch viel Freude“, sagt der 32-Jährige. Trotz einer Querschnittslähmung hat er im Kart bereits wieder an Rennen teilgenommen und fährt Motorrad. Seine Qualitäten als Kämpfer beweist der KURIER-Sportheld des Monats März in allen Lebenslagen. Durch eisernes Training in der Rehabilitation hat Petersen Stück für Stück seine Ziele erreicht. Nach absolvierter Lehre und Fachabitur beendete er nun sein Studium im Maschinenbau in Ingolstadt. Jetzt befindet er sich in seiner Heimatstadt auf Jobsuche. Im Bahnsport hat er alle möglichen Lizenzen erworben, fungiert unter anderem als Trainer, Rennleiter, Sportkommissar oder Ausbilder. Viel liegt ihm daran, Speedway für die Zukunft zu rüsten und attraktiv zu halten. Dazu möchte er das Bild vom Handicap in der Gesellschaft ändern: nicht bemitleiden, sondern offen kommunizieren.

KURIER: Herr Petersen, wie geht es Ihnen fast zwölf Jahre nach Ihrem Rennunfall?

PETERSEN: Mir geht es gut. Ich darf mich nicht beklagen. Alles, was ich will, habe ich soweit. Gesundheitlich geht es mir gut und ich habe keine Schmerzen. Ich bin komplett selbstständig. Also brauche ich von niemandem Hilfe.

KURIER: Wie sind Sie damals mit Ihrem Schicksalsschlag zurechtgekommen?

PETERSEN: Direkt beim Unfall wusste ich eigentlich schon, was los ist. Ich habe probiert, aufzustehen. Das ging nicht. Meine Füße konnte ich nicht bewegen, meine Hände schon. Der Schmerz fühlte sich so an, als hätte mir jemand eine ganze Platte in den Rücken gerammt. Meinen Helm habe ich selbst abgenommen. Mir war relativ schnell klar, was ich habe, ohne natürlich Genaueres zu wissen. Ich habe noch mitbekommen, dass sie meinen Rückenprotektor rausgezogen haben. Ich dachte, der wäre gebrochen und steckt mir im Rücken. Der Protektor hatte aber nicht einen Kratzer. Dann bin ich irgendwann am nächsten Tag in der Klinik in Ingolstadt aufgewacht und musste natürlich erst einmal aufgeklärt werden, was los ist.

KURIER: Wie war die erste Zeit in der Klinik für Sie?

PETERSEN: Ich habe relativ zügig die Situation begriffen. Zum Glück hatte ich schnell Besuch von meiner damaligen Freundin, meinen besten Kumpels, meinen Eltern und meiner Schwester. So war es irgendwie leichter, damit umzugehen und es zu akzeptieren.


KURIER: Wie sind Sie mit der Diagnose umgegangen?

PETERSEN: Was ein Querschnitt ist, wusste ich bis dahin nicht. Ich dachte, ein Querschnitt läuft einfach nicht mehr. Aber dass ein Querschnitt zum Beispiel seine Haut auch nicht mehr spürt ab dem Bruch oder nicht mehr weiß, wann er zur Toilette muss, das alles wusste ich nicht. Ich habe relativ schnell die Kraft in mir gefunden, das Thema anzugehen. Nach zehn Tagen wurde ich das erste Mal aufgesetzt. Da habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr allein sitzen kann. Es hat sich wie im Kettenkarussell angefühlt.

KURIER: Wie haben Sie reagiert?

PETERSEN: Mir war die Lage schnell bewusst. Ich wusste aber auch sofort, was ich denn wieder wollte. Ich wollte mich aus der Situation herauskämpfen, weil ich erkannte, dass ich damit nicht zufrieden sein werde mein Leben lang. Mit einem eigenen Manager und einem eigenen Physiotherapeuten war ich damals schon recht gut aufgestellt. Der Trainer unserer Nationalmannschaft hat sich engagiert. Alle haben sich darum gekümmert, dass ich meine Erstreha in Hamburg recht heimatnah absolvieren konnte. Da war ich gut aufgehoben. Dann ging es um die finanzielle Frage. Das Benefizrennen im Motodrom Halbemond und viele Aktionen mehr wurden ins Leben gerufen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe den Kampf schnell akzeptiert und gewusst, von wo ich anfangen muss.

KURIER: Was hat sich seitdem getan?

PETERSEN: Damals musste ich zwischen acht und zwölf Tabletten am Tag einnehmen. Durch die Therapie und mein Training konnte ich das absetzen. Ich habe wieder ein Gespür für meine Blase und weiß, wann ich zur Toilette muss. Das sind nachher die größten Freiheiten, an die man sonst nie gedacht hat. Ich bin froh, dass ich keine Abhängigkeiten habe. Das einzig Blöde sind Treppen, die ich hoch muss. Wenn niemand da ist, dauert es ein wenig länger, weil ich den Rollstuhl hinterherziehe. Treppen runter hilft mir die Schwerkraft, die fahre ich runter.

KURIER: Was war Ihr Antrieb?

PETERSEN: Unabhängigkeit war mir das Wichtigste, das war mein größtes Ziel. Ich wollte anderen Menschen ein Beispiel sein, zu sagen, gib nicht auf. Die Gesellschaft schaut einen relativ schnell bemitleidend an. Das ist nicht böse gemeint. Viele haben kein Wissen darüber. Ich wollte das Bild ändern und zeigen, dass man damit leben kann und ein gutes, zufriedenes Leben hinkriegt. Die Grenzen steckt man sich meistens selbst.

KURIER: Wie lange hat Ihr Kampf gedauert?

PETERSEN: Ich wollte so schnell es geht wieder auf die Beine kommen und ins Leben zurück. Das Ziel der Reha ist, sich auf das Leben im Rollstuhl vorzubereiten. Das war gut, weil sie mir alles gezeigt haben, wie ich mit dem Rollstuhl zurechtkomme. Ich habe mich aber schnell gelangweilt. Nach zwei Stunden Anwendungen saß man halt rum. Ich war so gut mit allem,dass ich allein in den Trainingsraum durfte, allein Kajak fahren und schwimmen gehen durfte. Das durfte ich mit Sondergenehmigungen, weil sie meinen Willen und meine Energie nicht bändigen konnten. Für mich war das gut, alles probieren zu können.

KURIER: Was folgte auf die Erstreha?

PETERSEN: Ich hatte das Glück, mit dem Zentrum für Rehabilitation in Pforzheim Kontakt aufzunehmen. Dort wurde eine besondere Therapie entwickelt, wobei es um erzwungene Bewegung geht. Das Gehirn und der Körper sollen möglichst viel Input erhalten. Für mich war es die beste Anlaufstation. Das Problem war die Finanzierung. Im ersten Monat habe ich 15 000 Euro bezahlt, weil ich noch mehrere Therapeuten brauchte. Das hat sich runtergeregelt bis zu einem Therapeuten. Aber ich habe monatlich 3500 Euro gezahlt. Über fünf Jahre hinweg von 2009 bis 2014 habe ich jeweils zwischen sechs und neun Monaten dort trainiert. Dazu habe ich mein Fachabitur gemacht. Das ganze Geld, was ich auch über Spenden und die Versicherung hatte, habe ich, soweit es ging, in diese Intensivtherapie gesteckt. Ich bin froh darum, weil ich Lebensqualität zurückbekommen habe. Ich kann mir selbst helfen, kann mich hinstellen, kann fünf Minuten allein laufen, wobei das noch ‚sliden‘ ist. Das war der Weg aus dem Loch, in das man fällt. Natürlich habe ich auch Unmengen an Tränen vergossen. Aber es hat mir auch geholfen zu sehen, dass der Tag für uns alle morgen wieder hell wird und wir müssen uns darum kümmern, das Beste daraus zu machen.

KURIER: Wie sieht Ihr Leben heute aus?

PETERSEN: Ich mache alles, was ich möchte und wie ich es früher auch gemacht habe. Ich bin wieder angefangen, Rennen zu fahren. Ein Kart habe ich dafür zusammen mitFreunden umgebaut. Ich fahre selbstständig Motorrad, steige dabei also auch allein auf und ab. Meinen Alltag bestreite ich komplett allein. Das Einzige, was ich ungern mache, ist Staubsaugen und Wischen, weil das im Rollstuhl doppelt anstrengend ist. Für jeden Weg in meinen Alltag aber finde ich für mich eine Lösung. Es geht alles.

KURIER: Welchen Beruf üben Sie aus?

PETERSEN: Nach dem Unfall habe ich meine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker bei meinem alten Arbeitgeber beendet. Im Rollstuhl lässt sich das aber nur schwerlich ausleben. Ich habe also schnell gemerkt, dass ich mich weiterentwickeln muss. Mein Wissensdurst und Spaß an der Technik und am Sport waren noch da. Mit der Entwicklung und dem Vertrieb von Motorenteilen habe ich mich 2011 selbstständig gemacht. Eine Kupplung habe ich zum Patent angemeldet. Bis Ende 2020 und damit bis zum Ende meines Studiums war das meine Sicherheit, um mein Leben zu finanzieren. Von 2014 an habe ich in Pforzheim Maschinenbau studiert. Ich war nie der Junge, der am liebsten in die Schule gegangen ist. Meine Klassenlehrerin würde sich heute wundern. Dass da Fleiß und Disziplin dazugehören, kannte ich ja schon. Nebenbei habe ich gearbeitet. Nach zehn Jahren bin ich jetzt wieder in die alte Heimat nach Oldenburg gezogen und nun auf Jobsuche.

KURIER: Was visieren Sie an?

PETERSEN: Die Jobsuche gestaltet sich schwierig. Den Leuten kann ich meinen Weg nicht richtig darstellen. Die meisten Menschen stellen es sich durch den Rollstuhl schwierig vor, dass man effektiv arbeitet. Ich bin aber guter Hoffnung, einen Arbeitgeber zu finden. Ich bin gern in der Entwicklung oder Konstruktion tätig und suche Lösungen für Problemfelder. Da geht es um Mechanik oder Werkstoffkunde. Ich kann mich auf vieles einstellen.

KURIER: Wie eng sind Sie mit dem Motorsport verbunden?

PETERSEN: Davon habe ich mich keinen Zentimeter entfernt. Viele sagen, Sönke, warum tust du dir das an und siehst dir das noch an. Der Sport hat mir aber nichts genommen. Es war meine Entscheidung, dort mit anzugreifen. Es ist halt nun einmal so passiert. Deswegen bin ich aber dem Sport nicht böse. Dafür hat mir das Motorrad schon viel zu viel Freude bereitet. Der Motorsport hat mich viel erleben lassen.

KURIER: Wie sieht Ihre zweite Karriere im Motorsport aus?

PETERSEN: Zwei Jahre nach meinem Unfall war ich der Coach meines Teams, in dem noch die Hälfte der Fahrer mitmischte. Ich habe verschiedene Lizenzen abgelegt. Als Jugendsprecher im Verband bringe ich meine Erfahrungen ein. Jetzt nehme ich den deutschen Sitz in der europäischen Föderation ein, bin Fachausschussmitglied in Deutschland, bin Bahnsportreferent im DMV und betreue Kader der Jugendnationalmannschaften. Ehrenamtlich bin ich wirklich gut aufgestellt.

KURIER: Wie war die Rückkehr zum Motorsport für Sie nach Ihrem Unfall?

PETERSEN: Das erste Mal war schon eine ziemliche Aktion. Etwa einen Monat nach meinem Unfall sind wir nach Nordhastedt gefahren. Dort war es schwierig für mich,weil ich damals nur vier Stunden im Rollstuhl sitzen konnte. Die Verbindung und Freude waren aber da. Mein bester Kumpel ist mein Reservemotorrad gefahren. Der nächste hat das Rennen sogar gewonnen. Egon Müller hat für mich gesungen. Jeder wollte mir gern helfen. Ich sehe mir das heute immer noch mit dem scharfen Auge an, was jemand auf dem Motorrad macht. Daran habe ich keine Freude verloren. Mir macht Motorradfahren Spaß, ich fahre gern wieder Rennen und habe keine Angst davor. Diesen Teil in meinem Leben möchte ich nicht missen.

KURIER: Wie können Sie mit einer Querschnittslähmung ein Motorrad fahren?

PETERSEN: Sobald sich die Räder drehen, fährt das Motorrad von allein. Das fühlte sich sofort an wie früher auch. Ich bin sofort wieder auf einem Rad gefahren. Das Gefühl von Freiheit ist mir wichtig.Ich kann selbst aufsteigen, was für mich eine wichtige Regel war. Meine Palette ist inzwischen groß von der Cross-Maschine bis hin zum Straßenmotorrad. 90 Prozent der Menschen, die auf der Straße unterwegs sind, fahren nicht anders als ich.

Quelle: OSTFRIESISCHER KURIER
Text: VON BERNHARD UPHOFF


Veröffentlicht am: 19.03.2021 | Kategorie: News | Zugriffe: 1071
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